Irreführende Wirtschaftsmodelle erhöhen das Risiko einer klimabedingten Finanzkrise

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Die Modelle, die von Wirtschaftsbehörden verwendet werden, um die finanziellen Auswirkungen des Klimawandels zu quantifizieren, wiegen die Finanzmärkte fälschlich in Sicherheit. Die untertriebene Darstellung der Klimarisiken erlaubt es Akteuren, notwendige Maßnahmen hinauszuschieben. So bauen sich systemische Risiken auf und die Wahrscheinlichkeit einer klimabedingten Finanzkrise steigt.

Von allzu sonnigen Wirtschaftsprognosen in den Sturm geführt

Stellen Sie sich das globale Finanzsystem als ein enormes Kreuzfahrtschiff vor, das sich auf eine Ozeanüberquerung vorbereitet. Laut Wettervorhersage ist stellenweise etwas raues Fahrwasser zu erwarten – aber nichts, was ein solches Schiff aus der Bahn werfen könnte. Es besteht jedoch ein unterschwelliges Problem: Das Computermodell, das zur Erstellung der Wettervorhersage verwendet wurde, blickt nur auf Stürme der Vergangenheit. Es ist physisch nicht in der Lage, die „Green Swans[1]“ zu erkennen – die Orkane, die sich nach Einschätzung von Wissenschaftlern bereits am Horizont zusammenbrauen.

Obwohl Wissenschaftler wiederholt davor warnen, dass die aktuelle Reiseroute das Schiff direkt in eine Sturmfront steuern wird, die das Schiff bei weitem nicht bewältigen kann, bleibt die Wettervorhersage weiterhin „mild“. Ökonomen arbeiten mit Nachdruck daran, die Prognosetools zu verbessern. Aber bis die Prognosen ausreichend robust sind (und die Wirtschaftsmodelle klimawissenschaftliche Erkenntnisse zuverlässig widerspiegeln), wird das Schiff schon zu weit in die Sturmfront geraten sein (d. h. die Klimarisiken im Finanzsystem werden sich bereits in einem Maße aufgestaut haben, das die Widerstandsfähigkeit des Systems in Bezug auf einen „Klima-Minsky-Moment[2]“ weit überschreitet). Die einzige Rettung für das Schiff besteht darin, das Sturmzentrum von vornherein durch einen frühzeitigen, vorbeugenden Kurswechsel zu umgehen.

Die Finanzmärkte steuern auf einen Orkan zu

Der Klimawandel ist bereits eine unmittelbare Gefahrenquelle für das Finanzsystem. In den nächsten fünf Jahren könnten Extremwetterereignisse bis zu 5 Prozent der Wirtschaftsleistung der Eurozone bedrohen[3]. Nach Schätzungen des international tätigen Schweizer Rückversicherers Swiss Re könnten Klimarisiken bereits in 25 Jahren die Weltwirtschaft jährlich 23 Billionen US-Dollar kosten und das Weltwirtschaftswachstum um 11 bis 14 Prozent drosseln. Ein Bericht des britischen Institute and Faculty of Actuaries (ein weltweit als ausgesprochen konservativ und datenorientiert geltender Finanzfachverband) prognostiziert, dass die Weltwirtschaft zwischen 2070 und 2090 BIP-Einbußen von 50 Prozent aufgrund katastrophaler Klimaschocks erleiden könnte – ein Schätzwert, der bisherige Prognosen weit übersteigt.

Und hierbei handelt es sich um konservative Werte auf Basis von Wirtschaftsmodellen, die nicht besonders darauf ausgelegt sind, das Phänomen des Klimawandels angemessen widerzuspiegeln. Diese Modelle stehen im Konflikt mit klimawissenschaftlichen Erkenntnissen, denn sie berücksichtigen weder kritische Umkipppunkte[4] noch steigende Meeresspiegel, Compound-Risiken, systemweite Verstärkungseffekte oder Verwerfungen infolge des Eintritts gesellschaftlicher Risiken, wie zum Beispiel klimabezogene Konflikte und Massenmigration. Realistisch betrachtet ist das wahre Ausmaß der Klimarisiken, denen das Finanzsystem ausgesetzt ist, nach wie vor weitgehend unbekannt.

Was ist eine „klimabedingte Finanzkrise“?

Bekannt ist, dass die „Klimaszenarien“, die von Aufsichtsbehörden zur Modellierung der Auswirkungen von Klimarisiken auf Finanzinstitute eingesetzt werden (die „Wettervorhersagen“), die Auswirkungen des Klimawandels erheblich unterschätzen. Dieser Umstand wird von Zentralbanken anerkannt und durch einen Bericht bestätigt, der auf einer Befragung von 68 Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern basiert. Massive finanzielle Schäden können sehr plötzlich auftreten und Finanzinstitute sind hierfür nicht gewappnet.

Das letzte Mal, dass ein erhebliches Maß an verborgenen Risiken plötzlich zu Tage trat, war die Subprime-Krise im Jahr 2008. Unter dem Strich kostete diese Krise Europa ein Jahrzehnt an Wachstum und Billionen an Steuergeldern – eine Finanzlast, die die Bürgerinnen und Bürger der EU noch heute abbezahlen. Und das Finanzsystem ist nach wie vor anfällig.

Die nach der Krise von 2008 unter dem Motto „nie wieder“ eingeleitete Reformagenda für den Finanzsektor wurde im Laufe der Zeit erheblich verwässert, während Risiken teilweise in den unzureichend regulierten Schattenbankensektor verlagert wurden. Unlängst löste ein vergleichsweise kleiner Schock in den USA die Bankenkrise von 2023 aus, die zu mehreren Insolvenzen im US-Bankensektor führte. Die US Federal Reserve war gezwungen, erhebliche Interventionsmaßnahmen zu ergreifen. Der plötzliche Kollaps der Schweizer Großbank Credit Suisse (deren Solvabilitäts- und Liquiditätskennzahlen erheblich über den aktuellen aufsichtsrechtlichen Mindestanforderungen lagen) kann als weiterer Warnschuss in der jüngeren Vergangenheit angesehen werden.

In diesem Zusammenhang betrachten die Aufsichtsbehörden die schnelle Zunahme nicht erfasster Klimarisiken bereits als potenziellen Auslöser der nächsten gravierenden Finanzkrise – einer „klimabedingten Finanzkrise“.

Mangelhafte Modellierung: Warum die Prognose nicht stimmt

Die Wirtschaftsmodelle, die derzeit von Banken und Aufsichtsbehörden verwendet werden, weisen eine Reihe struktureller Einschränkungen[5] auf, die sich ähnlich wie eine defekte Wetterstation auswirken:

  • Nutzung historischer Daten: Die meisten Modelle stützen sich für Vorhersagen über zukünftige Risiken auf historische Daten. Der Klimawandel ist jedoch eine zukunftsgerichtete, historisch beispiellose Entwicklung; Wirtschaftsdaten aus der Vergangenheit können nicht dabei helfen, Zukunftsaussagen über eine Welt zu treffen, in der mehr als drei Milliarden Menschen sich an Bedingungen anpassen müssen, die ihr Lebensumfeld zunehmend unbewohnbar machen.
  • Die Gleichgewichtshypothese: Die verwendeten Modelle betrachten die Wirtschaft als eine Art Boot, das nach einem Schock stets selbst wieder zu einem „stabilen Gleichgewicht“ zurückfindet. Die Schäden mögen kostspielig sein, aber das Schiff bleibt seetauglich. Wenn Klima-Kipppunkte überschritten werden, lässt sich dies in der Realität jedoch nicht wieder rückgängig machen. Und das „Schiff“, auf dem wir unterwegs sind, erleidet hierdurch gegebenenfalls dauerhafte Schäden.
  • Mathematische Abkürzungen: Viele Modelle verwenden quadratische Funktionen, eine Art mathematischer Formel, die davon ausgeht, dass Schäden langsam und vorhersehbar ansteigen. Es wird folglich außer Acht gelassen, dass der Klimawandel im Kern nicht linear ist und kleine Temperaturanstiege zu einem plötzlichen, erheblichen Anstieg schädlicher Wirtschaftsauswirkungen führen können.
  • Ausblendung der größten Risiken: Viele Modelle schließen schwer quantifizierbare Treiber wie Massenmigration, Anstieg der Meeresspiegel und Konflikte schlicht aus. Das kommt einer Wettervorhersage gleich, die Orkane ignoriert, weil sie „zu schwierig zu modellieren“ sind.

Eine trügerische Sicherheit

Aufgrund dieser Mängel prognostizieren die aktuellen Modelle selbst bei einem katastrophalen Temperaturanstieg lediglich „milde“ Wirtschaftseinbußen. Gemäß einiger Modelle würde sogar eine Erderwärmung um 6°C – ein Anstieg, den Wissenschaftler als existenzbedrohend für die menschliche Zivilisation einstufen – lediglich zu einem Abfall des BIP um 10 Prozent (!) führen.

Diese dramatische Unterschätzung der Risiken bedeutet, dass Banken und Versicherer keine ausreichenden Kapitalpuffer (zur Absorptionsfähigkeit von Verlusten) aufbauen, um die Verluste zu überstehen, die sich am Horizont zusammenbrauen. Wenn wir auf die „perfekten Daten“ warten, die den bevorstehenden Kollaps anzeigen, verpassen wir die Chance, diesen Kollaps abzuwenden.

Vorbeugend navigieren, statt auf den Schiffbruch zu warten

Nach dem Vorsorgeprinzip zu navigieren, bedeutet in diesem Zusammenhang, jetzt zu handeln, da bereits absehbar ist, wohin die Reise führt – auch wenn sich nicht genau quantifizieren lässt, wann die Wellen aufschlagen werden. Wir brauchen kein perfektes Modell, um zu wissen, dass wir das Sturmzentrum großräumig umschiffen müssen.

Sofortige Maßnahmen für eine umsichtigere Kursplanung:

Nutzung qualitativer Szenarien: Die Aufsichtsverantwortlichen sollten quantitative Messmethoden durch evidenzbasierte klimawissenschaftliche Einschätzungen ergänzen, die Kipppunkte und potenzielle Belastungsgrenzen des Finanzsystems berücksichtigen.

Erhöhung der Kapitalanforderungen: Die Aufsichtsbehörden sollten Banken und Versicherer dazu verpflichten, ihre Kapazitäten zur Absorption von Verlusten zu stärken, um Klimarisiken Rechnung zu tragen. Solche Puffer würden vermeiden, dass im Falle einer Klimakrise erneut die Steuerzahlenden für Rettungspakete aufkommen müssen.

Vermeidung eines Risikoaufbaus: Angesichts dessen, mit welchem Maß an Ungewissheit der Klimawandel behaftet ist und wie schwierig es ist, seine finanziellen Auswirkungen zu modellieren, sollten Aufsichtsverantwortliche gezielte makroprudenzielle[6] Maßnahmen ergreifen, um dem Anstieg von Klimarisiken vorzubeugen.

Ohne ein konkretes Bild der potenziellen Verluste durch den Klimawandel navigiert das Finanzsystem quasi im Blindflug. Die Aufsichtsverantwortlichen dürfen jedoch nicht zulassen, dass mangelhafte Wirtschaftsmodelle als Rechtfertigung für Untätigkeit dienen. Wenn sie jetzt vorbeugende Maßnahmen ergreifen, können die Finanzbehörden sicherstellen, dass das Finanzsystem widerstandsfähig genug ist, um dem bevorstehenden Sturm standzuhalten und die Wirtschaft in rauen Zeiten zu unterstützen.

 

Pablo Grandjean, Finance Watch

Hinweis:

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[1] Der Ausdruck „Green Swan“ bezeichnet ein durch den Klimawandel verursachtes Ereignis, das zu erheblichen Verwerfungen im Finanzsystem führt. Angelehnt an Nassim Nicholas Talebs Konzept des „Black Swan“, eines unerwarteten Ereignisses mit gravierenden Folgen, das sich erst rückblickend verstehen lässt, ist der grüne Schwan eine Metapher speziell für einen klimabedingten Finanzschock. Geprägt wurde die Bezeichnung durch das von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich veröffentlichte Buch „The Green Swan: Central Banking and Financial Stability in the Age of Climate Change“ („Der grüne Schwan: Zentralbankpolitik und Finanzstabilität in Zeiten des Klimawandels“). https://www.google.com/url?q=https://greencentralbanking.com/research/the-green-swan-central-banking-and-financial-stability-in-the-age-of-climate-change/&sa=D&source=docs&ust=1773833296953731&usg=AOvVaw0aW5KS15JnW7oPysveqr3o

[2] Ein „Klima-Minsky-Moment“ ist ein Minsky-Moment – d. h. ein plötzlicher, katastrophaler Preisverfall von Vermögenswerten – aufgrund eines Green-Swan-Ereignisses. Für weitere Informationen zu Minsky-Momenten, siehe auch: https://www.tutor2u.net/economics/blog/hyman-minsky-the-financial-instability-hypothesis?srsltid=AfmBOop5-bWHV63ozPqo20gdBTJZ-0g7WUNd1Uu3j5Ct3CMWlsAnnNS-

[3] Laut den jüngsten Szenarien des Network for Greening the Financial System (NGFS), siehe auch: https://www.ngfs.net/en/publications-and-statistics/publications/ngfs-short-term-climate-scenarios-central-banks-and-supervisors

[4] Klimakipppunkte sind kritische Schwellenwerte im komplexen Klimasystem der Erde. Kleine, allmähliche Veränderungen, wie der Anstieg von CO₂ in der Atmosphäre oder Veränderungen in der Albedo, können durch Kettenreaktionen plötzlich gravierende Verwerfungen auslösen. Die Überschreitung solcher Schwellenwerte kann dramatische und oft unumkehrbare Veränderungen mit sich bringen, die eine Rückkehr des Klimasystems zu seinem bisherigen Zustand verhindern.

[5] Für weitere Informationen dazu, wie Wirtschaftswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler die makroökonomischen Schäden erforschen, die durch den Klimawandel verursacht werden, siehe auch: https://www.google.com/url?q=https://theothereconomy.com/en/articles/global-warming-what-impact-on-growth/%23evaluation-economique-dommages-climatiques&sa=D&source=docs&ust=1773833296957222&usg=AOvVaw0aG5BpRZuy3u6pDGgLvVrg

[6] Infolge der Finanzkrise von 2008 und der Insolvenz von Lehman Brothers wurde von Seiten der Aufsichtsbehörden anerkannt, dass das Finanzsystem nicht einfach als Summe seiner Teile behandelt werden kann. Denn diese Betrachtungsweise berücksichtigt nicht die historische Tendenz des Systems, zwischen Hochphasen („Booms“) und Einbrüchen („Busts“) hin und her zu pendeln. Verstärkungseffekte in den Finanzmärkten, die sich aus enger Vernetzung, Herdenverhalten und Ansteckungseffekten ergeben, haben sich in der Vergangenheit als äußerst gefährlich für die Wirtschaft erwiesen. Heute wird die systemische Dimension der Finanzstabilität gezielter bedacht und es wurden Mechanismen von den Aufsichtsbehörden geschaffen, um die Gesellschaft vor systemweiten Risiken zu schützen. „Makroprudenzielle Puffer“ helfen beispielsweise dabei, das Finanzsystem vor den Risiken zu schützen, denen Banken ausgesetzt sind. Sie stärken die Polster, mit denen Banken ihre finanziellen Verluste abfangen, und verhindern, dass sich systemische Risiken im Finanzgefüge aufstauen.

 

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